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Alle Jahre wieder – Spiritualität und Christentum

Alle Jahre wieder, ziemlich genau im Herbst zu dieser Zeit im Jahr, mache ich mich so richtig unbeliebt. Denn alle Jahre wieder stelle ich in Frage, inwieweit es noch zeitgemäß ist, die eigene spirituelle Praxis mit dem Christentum zu verweben. Ich weiss, dass Antisemitismus und Islamkritik im Moment höher im Kurs stehen, aber das hält […]

Alle Jahre wieder - Spiritualität und Christentum

Alle Jahre wieder, ziemlich genau im Herbst zu dieser Zeit im Jahr, mache ich mich so richtig unbeliebt. Denn alle Jahre wieder stelle ich in Frage, inwieweit es noch zeitgemäß ist, die eigene spirituelle Praxis mit dem Christentum zu verweben. Ich weiss, dass Antisemitismus und Islamkritik im Moment höher im Kurs stehen, aber das hält mich trotzdem nicht davon ab, mich auch dieses Jahr zu fragen:

Warum triggert meine zarte Kritik an Kirche und Christentum auf Instagram die Scheisse aus den Menschen raus?

Kurzer Reality Check!

Wir leben in einer Zeit, in der die „Christlich Demokratische Union Deutschlands“ so offen und schamlos hetzt wie seit Jahrzehnten nicht. Ich lese in diesem Zusammenhang häufig: „Was hat das noch mit christlichen Werten zu tun?“ Und finde das außerordentlich bizarr. Als wäre die Kluft zwischen“practice“ und „what you preach“ im Christentum nicht seit jeher unüberwindbar. Als wäre der größte Teil der Menschenverachtung nicht schwarz auf weiß in der Bibel verankert.

„Christlich“ ist im heutigen Sprachgebrauch ein Synonym für „konservativ“. Der Mann steht über der Frau. Die „ordentliche“ deutsche Familie besteht aus einem Mann, einer Frau und zwei Kindern. Und in Rosenheim, da herrscht im Gegensatz zu Berlin Kreuzberg noch „Zucht und Ordnung“. Kurzum: Tradition. Heimat. Keine Veränderung. Schulterschluss mit Nazis? Kein Problem. Brandmauer nach rechts? Weg damit. Schließlich vergewaltigen „die Ausländer“ unsere Frauen. Da ist es nur folgerichtig, dass selbst unser Kanzler (ja, der mit den Erinnerungslücken) vom Spiegel Cover hetzt und härtere Abschiebungen ankündigt.

Aber zurück zu meinem Instagram Kanal, auf dem sich ja eigentlich mehrheitlich Menschen versammelt haben dürften, die meine Werte teilen. Ich schreibe jetzt bereits seit mehreren Jahren über Spiritualität und linke Politik. Und ich es finde es spannend, wie viele Menschen da prinzipiell mitgehen, aber bei der leisesten Kritik an der Kirche raus sind.

„Leben und leben lassen!“

Es wird Toleranz eingefordert. Ich könne doch meine Spiritualität frei leben, also solle ich doch auch Menschen ihren Glauben lassen. Zum einen will ich niemandem den Glauben nehmen und zum anderen kann ich eben nicht so frei meine Spiritualität leben wie andere Menschen ganz selbstverständlich einen christlichen Gottesdienst besuchen. Ich möchte an dieser Stelle nochmal auf meinen Artikel Kirche, Christianisierung und Spiritualität verweisen, der sich mit den Wurzeln des Christentums beschäftigt, beziehungsweise damit, wie die Wurzeln zu unserer europäischen Spiritualität im Rahmen der Christianisierung systematisch gekappt wurden.

Und bis heute ist es so, dass Menschen mit einer spirituellen Praxis hierzulande belächelt und geächtet werden. Das hat damit zu tun, dass man uns vor ein par hundert Jahren noch im großen Stil im Sinne Gottes verbrannt hat. Es fühlt sich für mich immer wieder aufs Neue sehr befreiend an, in Länder zu reisen, in denen diese Wurzeln nicht gewaltvoll gekappt wurden. In denen Spiritualität nicht herablassend mit Esoterik gleichgesetzt und belächelt wird. Und in denen man nicht degradiert und geächtet wird, weil man sich lieber an Sonne, Mond und Planetenzyklen ausrichtet als an der Bibel.

„Leben und leben lassen“ heisst es also immer wieder.

Außer Du bist Trans*. Oder nicht heterosexuell. Oder willst eine Schwangerschaft abbrechen. Oder mir meinen „heiligen Abend“ mies machen!!1 Was darf man denn heute bitte überhaupt noch? Wollen sie uns jetzt auch noch das Weihnachtsfest nehmen???

Nein, Annette. Entspann‘ Dich. Feier‘, was Du willst. Schmück‘ Deinen toten Baum, iss‘ Deine tote Gans und konsumiere so, wie der Kapitalismus es rund um dieses Fest von Dir verlangt. All good. Aber schrei‘ verdammt nochmal nicht „Leben und leben lassen“, wenn jemand den Verein, der diese Festivität ausrichtet, kritisiert!

Denn wer Diskriminierung, Hass und Hetze unter dem Deckmäntelchen des Christentums toleriert, sitzt im selben Boot wie Friedrich Merz. Und damit meine ich die generalisierte Abwertung von Frauen, Transphobie, Homophobie, die Verteufelung von Sexualität und ein zutiefst hierarchisches und patriarchales System, das einzig und alleine durch Schuld und Scham getragen und am Laufen gehalten wird.

Es gibt Klassiker, die einem gerne mal entgegen geschleudert werden, wenn man Dinge kritisiert. Einmal „Na wenn das Dich so triggert, solltest Du mal schauen, was es mit Dir zu tun hat“ und dann eben „Leben und leben lassen“. In beiden Fällen ist der Diskurs sofort beendet. Beide Phrasen lassen keinerlei Kritik zu und pudern dem Status Quo den Arsch.

Wenn ich schreibe „Eine bessere Welt ist keine Utopie“, dann meine ich das zu 100% ernst.

Aber dafür ist es zwingend notwendig, dass wir uns mit den Strukturen auseinander setzen, die den Status Quo einzementieren. Strukturen, die unter anderem auf Homophobie und der Abwertung von Frauen basieren. Mit dieser „Leben und Leben lassen“ Mentalität halten wir ein System am Leben, das echtem und tiefgreifendem Wandel im Weg steht.

Wenn ich ein System kritisiere, das queere Menschen und Frauen per se abwertet, das Zölibat hoch hält und gleichzeitig im großen Stil sexuellen Missbrauch an Kindern praktiziert, dann kritisiere ich ein im Kern menschenverachtendes System. Wenn ich Kritik an Nazis übe, weil ich rechte Ideologien im Kern menschenverachtend finde, hat bisher noch nie jemand „Leben und Leben lassen“ in die Kommentare getippt.

Ich will das Leid, das die Kirche und der Nationalsozialismus verursacht haben, auf keinen Fall in seiner Schwere miteinander vergleichen. Aber Menschen im großen Stil zu foltern und bei lebendigen Leibe zu verbrennen, nur um die eigene Agenda durchzusetzen, gehört meiner Meinung nach genauso kollektiv aufgearbeitet wie der Nationalsozialismus.

Aus irgendwelchen Gründen haben wir da als Gesellschaft aber keinen Bock drauf. Da schmücken wir lieber tote Bäume, verspeisen tote Gänse und feiern drei Tage lang eine unbefleckte Empfängnis.

Aber sollten wir uns nicht alle fragen, ob wir wirklich im Team Friedrich Merz und Markus Söder spielen wollen? Oder ob wir uns nicht doch lieber für Menschen stark machen, die in diesem System unter die Räder kommen? Wir hinterfragen Traditionen doch auch in anderen Lebensbereichen.

Warum fällt uns das, wenn es um Kirche und Christentum geht, so schwer?