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Missionierung completed – über internalisierten Glauben und die panische Angst vor Spiritualität

Na, wer tanzt morgen Abend in den Mai? Wer wird einem Maifeuer beiwohnen, bei dem vielleicht sogar noch eine Strohpuppe in Flammen aufgeht? Vor genau einem Jahr habe ich einen Artikel zum Thema Hexenverbrennungen und Spiritualität veröffentlicht. Es könnte sich lohnen, sich nochmal rüber zu klicken, bevor ihr meine heutigen Gedanken zu „Missonierung completed“ lest. […]

Missionierung completed - Unsere panische Angst vor Spiritualität

Na, wer tanzt morgen Abend in den Mai? Wer wird einem Maifeuer beiwohnen, bei dem vielleicht sogar noch eine Strohpuppe in Flammen aufgeht? Vor genau einem Jahr habe ich einen Artikel zum Thema Hexenverbrennungen und Spiritualität veröffentlicht. Es könnte sich lohnen, sich nochmal rüber zu klicken, bevor ihr meine heutigen Gedanken zu „Missonierung completed“ lest.

Ja, es ist ein plattes Wortspiel, aber gerade zu dieser Zeit im Jahr liegt es mir ganz besonders am Herzen, ein Paradoxon zu thematisieren, mit dem wir auch 2024 in Deutschland noch bereitwillig leben.

Es geht um den internalisierten Glauben der Kirche einerseits und den Kampf gegen die „Esoterik“ auf der anderen Seite.

Besonders bitter? Dass dieser Kampf als Instagram Aktivismus vor allem von Frauen geführt wird.

Sie verorten sich selbst immer und ausnahmslos im „Team Wissenschaft“ und ich wundere mich, warum sich niemand an den Diskrepanzen stört.

Eigentlich dachte ich ja, mit meinem Artikel aus 2023 sei alles gesagt. Aber da der Algorithmus diesem „Aktivismus“ so hart den Arsch pudert, möchte ich das Fass nochmal aufmachen. Denn vor ein paar Wochen wurde mir dieser Post hier in den Feed gespült. Er soll im Folgenden als Beispiel dienen, ist aber im Prinzip nur exemplarisch und austauschbar.

Der Post beginnt folgendermaßen: „Im April beginnt der Prozess gegen das Reichsbürger-Netzwerk, das unsere Regierung gewaltsam stürzen wollte. Politische und militärische Rollen waren bereits geklärt; es gab Waffen, Goldvorräte und auch Uniformen für den Staatsstreich waren offenbar schon bestellt. Dann kam einer der größten Antiterroreinsätze unserer Zeit dazwischen. Zu den 25 Festgenommenen gehörte eine Astrologin: Hildegard Leiding. Sie sollte in der Übergangsregierung für Spiritualität zuständig sein.“

Disclaimer: Ja, es gibt ein Problem mit Rechten, Nazis und Reichsbürgern in der spirituellen Szene. Es gibt aber auch ein Problem mit Rechten, Nazis und Reichsbürgern in allen anderen Gesellschaftsschichten.

Denn was hier galant unter den Teppich gekehrt wird, ist der Fakt, wer noch alles Teil dieses Netzwerks war. „Unter ihnen waren einstige Bundeswehrsoldaten und Polizisten, aber auch eine Hausärztin, ein Landschaftsgärtner, ein Tenorsänger, etliche von ihnen zuvor auf Coronaprotesten aktiv.“ (Quelle)

Die Tagesschau berichtete: „Zu den mutmaßlichen Verschwörern sollen ein Prinz, eine Ex-AfD-Bundestagsabgeordnete und Richterin aus Berlin sowie ein ehemaliger AfD-Stadtrat aus Sachsen gehören. Ebenso mehrere Ex-Bundeswehrsoldaten, darunter ehemalige Angehörige des Kommando Spezialkräfte (KSK) und der Fallschirmjäger, aber auch Ärzte und Unternehmer.“ (Quelle)

Ein „lustiger“ Querschnitt unserer Gesellschaft also. Aber wenn das nicht zur Agenda passt und man einen Insta Post über die Schnittmenge zwischen Esoterik und Rechtsextremismus raushauen will, der auch ordentlich klickt, dann wird es eben passend gemacht. Dann erwähnt man eben nur die eine Astrologin.

Weiter geht es dann folgendermaßen: „Adorno hat in seiner großartigen Arbeit „The Stars Down to Earth“ Ähnlichkeiten zwischen Horoskopen und der Funktionsweise totalitärer Staaten ausgemacht: Beide behaupten, „alle Antworten zu kennen (…), während sie gleichzeitig rein gar nichts erklären.“ Er beschrieb, wie Esoterik Pseudorationalität fördert: Menschen werden einerseits so skeptisch, dass sie z.B. Wissenschaft nicht mehr anerkennen wollen – aber sie sind andererseits nicht skeptisch genug, um zu erkennen, wenn sie von radikalen Akteuren beeinflusst werden.“

Ich möchte der Verfasserin dieses Posts nicht nur die Bücher von Carl Sagan ans Herz legen, sondern frage mich einmal mehr: Worum genau geht es hier eigentlich wirklich?

Geht es wirklich um die scharfe Abgrenzung von allem, was nicht rational zu erfassen ist?

Überraschung: Nein. Denn Menschen, die solche Posts raushauen, wünschen in der Regel auch „Frohe Weihnachten“. Und sie arbeiten sich interessanterweise auch nie an den menschenverachtenden Aussagen des Papstes ab. Sie scheinen auch alle wieder vollumfänglich die Normalität aus 2019 zu leben. Obwohl die wissenschaftlichen Fakten ja eher für saubere Luft sprechen würden und nicht für „lieber mal verdrängen, Augen zu und durch“.

Aber was ist es dann? Ideologie?

Gute Frage. Wikipedia sagt „Ideologie steht im weiteren Sinne bildungssprachlich für Weltanschauung“. Im weitesten Sinne könnte man eine Haltung, die nur dann evidenzbasiert ist, wenn es der eigenen Agenda in den Kram passt, dann vermutlich schon als ideologisch bezeichnen.

Kann man also machen. Machen die rechten Esos, die Reichsbürger in juristischen Ämtern und der Nazi Oberhauptkomissar ja auch. Die Frage ist halt nur, inwieweit die eigene Sicht auf die Welt und die Herangehensweise an so ein schwieriges Thema sich dann überhaupt noch von den kritisierten Personen unterscheidet.

Wir leben in einer wilden Umbruchszeit, in der vieles, was früher sicher schien, nach und nach wegbröselt. Diese Unsicherheit kann sich überfordernd anfühlen. Da kann der Verstand gerne mal durchdrehen und damit das nicht passiert, konstruiert er sich seine eigene Wahrheit, an der er sich festkrallen kann. Weil sie viel weniger überfordernd ist, als sich einzugestehen, dass es keine Sicherheit gibt. Dass unser Leben in diesem Sonnensystem einem Fliegenschiss gleicht.

2023 schrieb ich: „Denn die Verbrennung der letzten „Hexe“ in Deutschland liegt nicht mal 250 Jahre zurück. Die meisten von uns haben sich intensiv mit dem Nationalsozialismus und der damit verbundenen kollektiven Schuld auseinander gesetzt. Die Aufarbeitung der Hexenverbrennungen hingegen lässt bis heute auf sich warten.“

Ein Jahr später würde ich sogar noch einen Schritt weiter gehen. Denn dadurch, dass ich in den letzten Jahren immer wieder in Griechenland war und zwischen diesen beiden Mentalitäten hin und her gebounced bin wie ein Flummi, wurde mir immer klarer, wie verschwurbelt unsere deutsche Mentalität im Kern ist. Wir werden krank von Durchzug und schon die Kleinsten müssen in Kitas unentwegt „ihr Immunsystem trainieren“. Denn nur die Harten kommen in den Garten. Team Wissenschaft. Is klar.

„Aber Esoterik selbst ist niemals harmlos, sondern ein manipulatives Geschäft mit dem Sinnbedürfnis des Menschen.“ schreibt Herzkater weiter auf Instagram. Und wenn ihr wissen wollt, wie man Manipulation erkennt, dann sollt ihr ihr Buch kaufen.

Ich bin so müde, Leute. Ehrlich.

Die Christianisierung hat hierzulande wirklich ganze Arbeit geleistet. Wenn diese Menschen nur einen Bruchteil dieser Energie, mit der sie sich an der Esoterik abarbeiten, mal in unseren einzemenierten und wohlwollend akzeptierten christlichen Glauben stecken würden, würden sie merken, dass es hier noch viel absurder zugeht als bei den wildesten spirituellen Thesen und Konzepten. Aber das Christentum ist internalisiert und wer dem Christentum mit dieser Vehemenz ans Bein pissen will, der verkauft in Deutschland zukünftig keine Bücher mehr. Und wird btw auch nicht auf Instagram bejubelt und gefeiert. Für euch getestet ✔

Ganz ehrlich? Ich wäre heilfroh, wenn die Wurzel unsers Nazi Problems wirklich in der Esoterik liegen würde.

Dann hätten wir es nämlich mit absurd geringen Zahlen zu tun. Da es sich aber nachweislich um ein Problem handelt, das sich durch alle Gesellschaftsschichten zieht, haben wir ein verdammt großes Problem.

Und parallel zu diesem Naziproblem verdrängen wir gerne ein weiteres Problem, nämlich dass wir spirituelle Menschen hierzulande im großen Stil hingerichtet und das bis heute nicht aufgearbeitet haben. Und aus dem resultiert, dass wir bis heute alles, was spirituell ist, zutiefst verachten und für das Böse verantwortlich machen.

Daher möchte ich auch in diesem Jahr zum 1. Mai meinen Text mit den folgenden Worten beenden: Lasst uns morgen Abend eine Kerze anzünden für all‘ die Frauen, die verfolgt und verbrannt wurden.

We are the granddaughters of the witches you couldn’t burn.