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Das Zelebrieren festgefahrener Geschlechterrollen in der spirituellen Szene

Liebe Leute, wir müssen über „feminine Energie“, über „maskuline Energie“ und die Geschlechterrollen innerhalb der spirituellen Szene reden. Dass es innerhalb einer patriarchalen Gesellschaftsordnung ein klar definiertes Rollenverständnis gibt, das von unserem Chromosomensatz abhängt, ist uns ja höchstwahrscheinlich allen bewusst. Aber wie besessen die spirituelle Szene davon ist, Energien in „feminin“ und „maskulin“ einzuteilen, grenzt […]

Die Geschlechterrollen in der spirituellen Szene

Liebe Leute, wir müssen über „feminine Energie“, über „maskuline Energie“ und die Geschlechterrollen innerhalb der spirituellen Szene reden. Dass es innerhalb einer patriarchalen Gesellschaftsordnung ein klar definiertes Rollenverständnis gibt, das von unserem Chromosomensatz abhängt, ist uns ja höchstwahrscheinlich allen bewusst. Aber wie besessen die spirituelle Szene davon ist, Energien in „feminin“ und „maskulin“ einzuteilen, grenzt an ein Absurdum. Schauen wir heute also mal auf das Weltbild, das dieser Sichtweise zugrunde liegt.

Der Algorithmus sämtlicher Social Media Kanäle scheint mich so einzuschätzen, dass mein Uterus das relevanteste Organ meines Körpers ist, das entsprechend verehrt werden soll. Ich habe mich daran in dem Artikel Goddess Energy und der heilige Uterus in der Spiri Szene ja schon mal abgearbeitet.

Auf jeden Fall scheint es für mich als 43-jährige, heterosexuelle Cis-Frau, die schwerpunktmäßig Astro- und Cat Content liked, nichts relevanteres zu geben, als Posts, die mich an meine „heilige Weiblichkeit“ erinnern.

Versteht mich nicht falsch, ich habe eine ziemlich okaye Verbindung zu meinem Uterus. Sie unterscheidet sich zwar nicht grundlegend von der Connection, die ich zu meinem Herzen, meinem Gehirn oder meinen Nieren habe, aber ich wertschätze einfach jedes Organ in meinem Körper, das mich am Leben hält und seinen Job macht. Ich führe mir auch regelmäßig vor Augen, dass ein gesunder Körper mit funktionierenden Organen nicht selbstverständlich ist, was unweigerlich zu Dankbarkeit führt (und was btw ein überaus schlagkräftiges Argument für Infektionsschutz ist, aber dieses Fass machen wir heute nicht auch noch auf).

Polarität, Yin und Yang

Mir wurde kürzlich das Video eines Paartherapeuten in meinen YouTube Feed gespült, der den Begriff „Polarität“ benutzte. Und da ich diesen Begriff selbst in meinen Horoskopen verwende und er mir für gewöhnlich in diesem Kontext nicht online begegnet, klickte ich das Video an. Dieser Paartherapeut, der durchaus wohl auch einen spirituellen Ansatz in seiner Arbeit verfolgt, erklärte mir dann, dass man Menschen (Feminismus hin oder her) nicht gleich behandeln kann, weil Männer nur in ihrer „männlichen Polarität“ Dating Erfolge verzeichnen und Frauen nur dann erfolgreich daten, wenn sie in ihrer „weiblichen Polarität“ sind. Im Prinzip lief alles darauf hinaus, dass der Mann aktiv und dominant sein soll und die Frau passiv. Wunderbar.

Feminismus setzt sich für gleiche Rechte und weniger Diskriminierung ein.

Es geht darum, dass alle Menschen die gleichen Möglichkeiten haben. Dass sie bei gleicher Arbeit gleich viel Geld verdienen. All‘ sowas Banales. Wer Feminismus mit „Gleichmachung“ übersetzt und daraus schlussfolgert, dass Frauen sich 2023 wie Männer verhalten und Männer verunsichert sind, weil Frauen wollen, dass sie auch mal heulen, sollte vielleicht lieber keine Dating Tipps verteilen. Aber das ist natürlich auch nur meine Meinung und ich fürchte, der Markt derer, die sich eine stabile Rollenverteilung wie in den 50ern wünschen, ist groß genug, dass besagter Paartherapeut keine finanziellen Sorgen hat.

Streifen wir das Patriarchat aber doch mal für einen Moment ab und schauen uns an, was es mit der Polarität wirklich auf sich hat. Wir kennen ja alle das Yin & Yang Zeichen. Wikipedia beschreibt Yin und Yang folgendermaßen: „Yin und Yang sind zwei Begriffe der chinesischen Philosophie, insbesondere des Daoismus. Sie stehen für polar einander entgegengesetzte und dennoch aufeinander bezogene duale Kräfte oder Prinzipien, die sich nicht bekämpfen, sondern ergänzen.“ Und weil ich diese Definition sehr grandios finde, nutze ich selbst nicht die Begriffe „feminine Energie“ und „maskuline Energie“, sondern die Begriffe Yin und Yang, wenn es um Polarität geht.

Yang Energie ist nach außen gerichtet, also extrovertiert, dynamisch und benötigt Impulse im Außen. Yin Energie ist nach innen gerichtet, also introvertiert, viel ruhiger, weniger wild und nährt sich aus inneren Erfahrungen.

Let that sink in.

Diese beiden Energien sind vollkommen losgelöst davon, ob wir mit einem Uterus geboren wurden oder mit einem Penis. Ob wir ein weiblich gelesener Mensch sind oder ein männlich gelesener Mensch. Ob wir uns als Frau definieren, als Mann oder als nichts von beidem. Ob wir heterosexuell sind oder homosexuell. Das alles ist vollkommen irrelevant, wenn es um die individuelle Verteilung von Yin und Yang Energie geht.

Alle Luft- und Feuerzeichen sorgen für Yang Energie, während alle Erd- und Wasserzeichen für Yin Energie stehen. Wenn ein Mensch also beispielsweise eine Jungfrau Sonne, einen Fische Aszendenten und einen Stier Mond hat, dann wird dieser Mensch schon alleine aufgrund dieser drei sehr wesentlichen Merkmale seiner kosmischen DNA eher yin-betont unterwegs sein. Und zwar komplett losgelöst davon, ob er mit Uterus oder mit Penis geboren wurde. (Für das volle Bild sollte man selbstredend alle Komponenten mit einbeziehen, aber da die meisten Menschen maximal diese drei Komponenten kennen, lasse ich das an dieser Stelle einfach mal vereinfacht runter gebrochen so stehen.)

Als ich realisierte, dass diese drei Elemente in meinem persönlichen Fall allesamt der Yang-Polarität zugeordnet werden, und dass die Gesamtverteilung der Polarität meiner kosmischen DNA für 77% Yang Energie sorgt, der gerade mal 23% Yin Energie gegenüber stehen, habe ich mich zum ersten Mal in meinem Leben so richtig „gesehen“ gefühlt. Ich glaube, das war der Moment, in dem die Astrologie mich von sich überzeugt hatte.

Die Astrologie ist eine sehr nerdige Sprache, die nicht nach Geschlechtern unterscheidet.

Sie berechnet auf die Nachkommastelle genau, wie viel Yin Energie und wie viel Yang Energie der Kosmos uns auf die Festplatte gespielt hat. Und das ist für sehr viele Menschen gleichermaßen erhellend wie erbaulich. Denn in einem System, in dem es nur die Schublade „Mann“ und die Schublade „Frau“ gibt, ist kein Platz für weiblich gelesene Menschen mit viel Yang Energie und ebenso wenig für männlich gelesene Menschen mit viel Yin Energie.

Ich habe in der Vergangenheit oft gehört, ich sei zu wild, zu laut und zu dominant. Und klar, ein weiblich gelesener Mensch mit 77% Yang Energie passt nicht in die für ihn vorgesehene Schublade, weil das Patriarchat und die spirituelle Szene Yang Energie mit „maskuliner Energie“ übersetzen. Hier stimmt also was nicht. Und das ist der Punkt, an dem die spirituelle Szene mir Angebote unterbreitet.

Ich soll in den Flow kommen. Passiv und weich werden. Mich vertrauensvoll hingeben und unterordnen.

Die Bildsprache: Zart. Flatternde, helle Stoffe und fließende Kleider. Trotzdem viel Haut. Ausgerichtet am gängigen Schönheitsideal. Alles für den Male Gaze. Haltung? Fehlanzeige. Nicht anecken. Probleme weglächeln. Love & Gaslight!

Aber das erfrischende an den 40ern ist ja, dass man sich nicht mehr hinbiegt, um in irgendwelche Schubladen zu passen.

Durch meinen nicht vorhandenen Kinderwunsch (der größte Yin Fail btw) hab‘ ich eh‘ verkackt. Mittlerweile lebe ich meine 77% Yang Energie schamlos aus und ich habe mich nie mehr nach mir selbst angefühlt. Mir ist vor einigen Jahren ein Gegenüber mit ähnlich viel Yang Energie auf der eigenen Festplatte ins Leben gestolpert. Und ja, wenn zwei Alpha Tierchen eine Verbindung eingehen, in der das Element Feuer beide Charts dominiert, dann fliegen auch mal die Fetzen.

But guess what: Es ist eine Partnerschaft auf Augenhöhe. Niemand dominiert niemanden. Niemand ist devot. Stattdessen sehr viel Mut, Loyalität und gegenseitiges Empowerment. Wäre damals in meinen späten 20ern die Astrologie nicht in mein Leben gekommen, würde ich mich vermutlich bis heute falsch fühlen und weiterhin Menschen ansaugen, die mir vorhalten, ich sei zu männlich und zu aufmüpfig.

Der Kosmos spielt jedem von uns zum Zeitpunkt des ersten Atemzuges eine einzigartige Zusammensetzung aus Yin und Yang Energie, einer ganz bestimmten Zusammensetzung der vier Elemente, Tierkreiszeichen- und Planetenenergien auf die Festplatte.

Ein System mit zwei Schubladen wird dieser Vielfalt nicht gerecht. Das kann nur schief gehen. Lasst euch also bitte von niemandem spirituell belehren, dass ihr „zu weiblich“ oder „zu männlich“ seid, „zu ruhig“ oder „zu laut“, „zu eremitisch“ oder „zu sehr Rampensau“.

Führt euch vor Augen, dass das Rollenbild innerhalb der spirituellen Szene ebenso antiquiert ist wie das des weiter oben erwähnten YouTube Paartherapeuten.

Und dass weder der Mix aus devoter Grundhaltung, aufgespritzten Lippen und operierten Brüsten, noch die Glorifizierung des heiligen Gebärens etwas mit Yin Energie zu tun hat, sondern am Ende einzig und alleine einem in die Karten spielt: Dem Patriarchat.

Wir brauchen eine Kommode mit unendlich vielen Schubladen. Und ja, alleine diese Vorstellung erfordert einen weiten Geist und macht vielen konservativen Menschen Angst. Aber da müssen wir jetzt alle zusammen durch.