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No mud, no lotus – 3,5 Jahre Retreat vs. die Jagd nach dem Highest Excitement

Bevor ich den heutigen Artikel beginne, möchte ich nicht unerwähnt lassen, dass ich in den vergangenen Jahren zusätzlich zu den ganzen Turbulenzen im Außen auch noch durch meine Uranus Opposition gewirbelt wurde. In diesem Artikel hier erkläre ich ausführlicher, was es mit der “Midlife Crisis aus astrologischer Sicht” auf sich hat. Die Credits für die […]

No mud, no lotus

Bevor ich den heutigen Artikel beginne, möchte ich nicht unerwähnt lassen, dass ich in den vergangenen Jahren zusätzlich zu den ganzen Turbulenzen im Außen auch noch durch meine Uranus Opposition gewirbelt wurde. In diesem Artikel hier erkläre ich ausführlicher, was es mit der “Midlife Crisis aus astrologischer Sicht” auf sich hat. Die Credits für die nun folgende Matsch Lotus Geschichte gehen also an Uranus. What a ride!

Ich habe mir vor vielen Jahren im Sinne von “no mud, no lotus” eine Lotusblüte auf den linken Oberschenkel tätowieren lassen. Seie sollte mich immer daran erinnern, dass es sich lohnt, sich durch den Morast des Lebens zu kämpfen. Dass aus alledem am Ende was Wunderschönes entstehen kann. Denn tief verwurzelt im trüben Matsch entsteht irgendwann eine Blüte, die sich gen Himmel richtet und an der aufgrund ihrer natürlichen Beschaffenheit alles abperlt. Eine sehr resiliente Blüte also, die auch keine Angst davor hat, Nacht für Nacht wieder in die Dunkelheit abzutauchen, nur um sich am nächsten Tag in ihrer ganzen Schönheit wieder der Sonne entgegen zu recken. Klingt cheesy? Gut möglich. Aber es ist ein schönes Symbol für die Polarität auf diesem Planeten, auf dem wir ja alle gerade unterwegs sind.

Es war sehr still hier in den letzten Wochen. Das hatte seine Gründe und genau darum soll es hier und heute gehen. Ich habe vor ziemlich genau 3 Jahren den Artikel “Das Retreat 2020 und der Beginn einer neuen Zeit” geschrieben. Und wie so oft fügen sich im Nachgang gerade sehr viele Puzzleteile zusammen und ich erkenne zum ersten Mal das ganze Bild.

Eine ganze Weile lang ging ich davon aus, dass die Gründe für mein Handeln im Humanismus liegen.

Dass ich meine Vorstellungen von Moral und Ethik nicht einfach so über den Haufen werfen kann, nur um weniger anzuecken. Und da ist sicherlich auch was dran. Viele Puzzleteile würde ich diesen Werten zuordnen. Vor drei Jahren habe ich Folgendes geschrieben:

“Ist es nicht verrückt, dass viele Menschen aus der spirituellen Szene sehr viel Geld für Retreats ausgeben, um (zu) sich zu finden? Dass sie um den halben Planeten jetten, um auf Bali ihre Gedanken zu beobachten oder vierstellige Summen ausgeben, um in kargen indischen Ashrams einfach nur zu atmen?

Und ist es nicht irgendwie auch paradox, dass viele genau dieser Menschen mit dem Retreat 2020 nun nicht zurecht kommen, weil es nicht auf 14 Tage oder 4 Wochen limitiert ist? Sind wir doch mal ehrlich: Zuhause ist es sehr viel komfortabler und gemütlicher als in einem indischen Ashram. Niemand nimmt Dir das Handy weg, Du kannst Dir geiles Essen bestellen und der ganze Trip wird mit ein bisschen Glück auch noch durch Soforthilfen des Bundes bezuschusst.

Aber plötzlich schmeissen die Menschen sich reihenweise wie trotzige Kinder auf den Boden, trommeln mit den Fäusten auf die Erde und beklagen sich, dass sie beim Einkaufen eine Maske tragen sollen. Dass sie nicht mehr verreisen dürfen. Dass man ihnen ihre Grundrechte nimmt. Ich finde das ziemlich interessant. Denn ist es nicht so, dass wir erst so richtig zu uns kommen, wenn das Retreat nicht nach 2 Wochen endet?”

Und ich finde es mit drei Jahren Abstand überaus beeindruckend, wie wahr diese Worte sind, die ich damals in die Tasten gehauen habe – ohne zu wissen, wohin wir uns gesellschaftlich noch entwickeln würden.

Der Hedonismus innerhalb der spirituellen Szene hat zwischenzeitlich seinen Peak überschritten.

Wenn Kapitalismus und Neo-Kolonialismus im Namen der Erleuchtung miteinander verschmelzen, bleibt einem nicht mehr viel anderes übrig, als jeden Tag aufs Neue dem Highest Excitement hinterher zu jagen. Sich eine Substanz nach der nächsten rein zu pfeifen und auf diesem dauerhaft anhaltenden Trip das eigene Ego in den sozialen Medien geradezu ekstatisch zu feiern. Plötzlich sind sie alle Schamanen und Medicine Women.

Für mich persönlich ist dieser ganze Zirkus mittlerweile absurder als Reality TV.

Ich persönlich führe nun aber auch bereits seit mehreren Jahren ein Leben, das man als überaus eremitisch bezeichnen könnte. Wer (wie ich) nach wie vor denkt, dass es doch irgendwie ganz smart wäre, saubere Luft in Innenräumen zu etablieren und für das Aufrechterhalten von Prävention angepöbelt und verachtet wird, führt irgendwann ganz automatisch ein Leben ohne gesellschaftliche Teilhabe. Ja, das schmerzt. Und gleichzeitig fühlt es sich auch weiterhin richtig an, für Public Health, Prävention und letzten Endes auch für die eigene Gesundheit einzustehen. Ich hinterfrage meine Haltung täglich. Und komme aufgrund der Faktenlage immer wieder zu dem Ergebnis, dass ich nicht bereit bin, im großen Stil zu dissoziieren.

Meine kosmische DNA ist sehr yang-lastig. Ich bin ein überwiegendes Feuer/Luft Gemisch, was mich für gewöhnlich mit einem sehr klaren und meist nicht sehr emotionalen Blick auf die Dinge ausstattet. Aber in den vergangenen Jahren waren meine Gedanken häufig wirr und mein Blick getrübt. Das bringt die Zeit tief unten im Matsch vermutlich so mit sich. Ich habe eine weitere Astrologie Ausbildung begonnen und sie nach der ersten Einheit wieder abgebrochen, weil sie sich nicht mehr richtig angefühlt hat. Ich habe mich zu einer systemischen Aufstellungs-Ausbildung angemeldet, die ich nie begonnen habe, weil auch das sich nicht mehr richtig angefühlt hat. Diese emotionalen Vernebelungen waren in dieser Ausprägung für mich komplett neu. Und dass ich nicht einfach durchziehe, was ich angefangen habe, ebenfalls. Was ich damals noch nicht wusste: Dass ich das Geld, das in diese Ausbildungen geflossen wäre, nun brauche, um “meinen digitalen Space” komplett neu aufzubauen. Dass meine Wohnung sowas wie mein erweitertes energetisches Feld ist, war mir schon lange klar. Dass das für meinen digitalen Space ebenfalls gilt, und dass das hier alles überhaupt nicht mehr zeitgemäß, geschweige denn sinnvoll ist, fiel mir erst kürzlich wie Schuppen von den Augen.

Aber zurück zu meinem Artikel von vor drei Jahren! Damals schrieb ich nämlich auch:

“Aber kommen wir nicht genau jetzt an den Punkt, von dem alle immer geredet haben? Der Punkt, an dem es wirklich ans Eingemachte geht? An den richtig tiefen Scheiss, der sich nur dann den Weg nach oben bahnt, wenn die Ablenkungen im Außen längerfristig auf ein Minimum reduziert bleiben? Denn irgendwann sind wir ja alle mal mit Netflix durch und der Podcast Feed ist auch durchgehört. Was dann? Was, wenn all’ diese ungemütlichen Gefühle in einem aufsteigen, von denen man sich all’ die Jahre so erfolgreich abgelenkt hat? Was, wenn der Ayahuasca Urlaub dieses Jahr ausfällt und sämtliche Formen des Spiritual Bypassings einfach nicht mehr greifen?”

Rückblickend liest sich das fast schon naiv, denn um ehrlich zu sein, hat es sehr viel länger gedauert, um wirklich mit den Wurzeln in Kontakt zu kommen. Durch das Wühlen im dunklen Matsch wurden derart ungemütliche Gefühle und Themen an die Wasseroberfläche befördert, die an dem ein oder anderen Tag dafür gesorgt haben, dass ich mich komplett energielos fühlte und einfach nur rumliegen konnte. Einen Lebenskomplizen wie Matthias an meiner Seite zu haben, der sich mit mir gemeinsam durch den Morast in eine ähnliche Richtung wühlt, ist btw das größte Geschenk, das das Leben mir machen konnte. Dazu gehört sehr viel Mut und noch mehr Disziplin. Sich nicht zu verpissen, wenn man mal feststeckt. Das Gegenüber nicht einfach auszutauschen, weil es ungemütlich wird. Das alles hat mir gezeigt, wie wertvoll diese Verbindung ist. Und worum es am Ende wirklich geht. Wir haben in den vergangenen 3,5 Jahren wahrlich viel gemeinsame Zeit im Matsch verbracht. Aber die Blüte, die gerade die Wasseroberfläche passiert hat, fühlt sich jetzt schon überwältigend an, obwohl sie sich noch nichtmal geöffnet hat.

Gelebte Spiritualität ist nicht immer gesellschaftsfähig.

Das ist mein größtes Learning aus den vergangenen 3,5 Jahren. Da wird Dir nämlich schnell mal ein Cave Syndrom oder eine Angststörung unterstellt, während Du im Wurzelwerk unterwegs bist und nicht so funktionierst wie alle das von Dir erwarten. Gerade fühlt es sich zum ersten Mal an, als wäre die wildeste Zeit im Matsch vorbei. Als ginge es jetzt darum, die Erkenntnisse der vergangenen 3,5 Jahre zu festigen durch das nächtliche Abtauchen. Und dass das Leben mir in der Zukunft vielleicht wieder mehr Raum zum Blühen schenkt.

Ich habe viele Vorstellungen losgelassen. Zum Beispiel, dass Berlin Zuhause ist, was äußerst(!) schmerzhaft war und womit das Leben mich immer wieder konfrontiert und mich finally im Frühling 2023 in die Knie gezwungen hat.

Ich habe gelernt, dass es okay ist, Dinge auszuprobieren und gleichzeitig Raum für Scheitern zuzulassen.

Ich durfte das mit dem Sound Bath Podcast lernen und auch mit den digitalen Zoom Sound Baths. Oft ist es kein Scheitern, sondern nur eine Stufe auf einer Treppe, die es zu erklimmen gilt. Ohne den gescheiterten Podcast hätte es nie die Zoom Sound Baths gegeben und ohne die Zoom Sound Baths nie die Video Uploads zum Streamen. Meine Anforderungen an potentielle neue Freund*innen sind sehr viel präziser geworden. Ich bin nicht mehr bereit, Haltungen in engen Verbindungen zu akzeptieren, die ich 2019 noch toleriert habe.

Und ich bin durch mit der spirituellen Szene und habe akzeptiert, dass es kein Anknüpfen mehr geben muss. Dass ich selbst definiere, wie ich meinen spirituellen Teil lebe und dass es auch fein ist, wenn das für den Rest meines Lebens ohne Community nur mit mir selbst passiert.

Hätte ich pünktlich zum “Freedom Day” im März 2022 wie die meisten Menschen wieder “mein altes Leben” aufgenommen, wäre ich nicht hier, wo ich jetzt bin. Dann würde es sich gerade nicht anfühlen, als wenn das Leben mir einen LKW mit einer Ladefläche voller Geschenke vor die Füße kippt. Jetzt, viele Jahre, nachdem ich mir den Lotus habe tätowieren lassen, habe ich erst gecheckt, was dieser Spruch wirklich bedeutet.

No mud, lo lotus.

Wenn ich wieder auf Konzerte, in Bars und auf Spiri Events gepilgert wäre, wäre der Kontakt mit dem Wurzelwerk tief unten im Matsch verloren gegangen. Ich habe realisiert, wie einen diese Ablenkungen immer wieder an die Oberfläche saugen und wie viele Jahre ich einfach nur an der Oberfläche geschwommen bin. Während dieser Zeit habe ich mir immer wieder eingebildet, durch Kirtans hier und Yogastunden da ernsthaft abzutauchen. Aber rückblickend muss ich mir eingestehen, dass ich immer nur an der Oberfläche unterwegs war.

Meine Werte- und Moralvorstellungen haben mir diesen Deep Dive ermöglicht. Denn ohne meinen relativ straffen, schützigen Werte Kodex hätte ich mich nicht für ein Leben mit dem Virus entschieden und stattdessen wie die meisten Menschen wieder so gelebt, als gäbe es kein Virus mehr. An meinem Werte Kodex hat sich nichts geändert, an meinem Lifestyle hat sich nichts geändert und auch an meinen politischen Texten wird sich nichts ändern. Mir ist vollkommen bewusst, dass dieser Artikel sich jetzt nur um mich persönlich dreht und dass es genau das ist, was ich den Spiris immer vorhalte. Dass sich in deren Welt alles um nichts weiter als das eigene Ego dreht. Ich habe ihn aber dennoch geschrieben, weil es nach meinem letzten Insta Post einige Fragen gab. Der war wohl sehr kryptisch verfasst.

Ich möchte auch niemandem den eigenen Weg absprechen. Wer sich mit Rapé die Nasenscheidewand wegballern möchte: Cool. Wer seinen Lebensfokus dahingehend ausrichtet, dass er/sie vom Froschgift über den Kaktus bis zur Liane tripped und wieder zurück: All good. Mit Spiritualität, so wie ich sie für mich definiere, hat das aber alles nichts zu tun.

Denn wenn Du nicht in der Lage bist, ohne die Hilfe von Substanzen nachts zum Wurzelwerk abzutauchen und am nächsten Tag wieder aufzutauchen, ist die ganze Nummer nicht nachhaltig.

Im Gegenteil: Sie öffnet Abhängigkeiten Tür und Tor. (Von dem Aspekt der kulturellen Aneignung, sich im Sinne des Highest Excitements an sämtlichen Pflanzen indigener Menschen zu bedienen mal ganz zu schweigen.) Und all’ das macht in meiner Welt einfach keinen Sinn.

Außerdem stelle ich mir an diesem Punkt die Frage, ob wir es nicht wieder mit der exakt gleichen Energie zu tun haben wie 2020, als die Menschen sich im übertragenen Sinn wie Kleinkinder auf den Boden warfen und mit ihren Fäusten gegen die Erde trommelten, weil sie keine Maske beim Einkaufen tragen wollten. 2023 haben sie einfach keinen Bock auf den ganzen Matsch. Sie wollen 24/7 Highest Excitement.

Sie wollen die Abkürzung. Sie wollen den Lotus ohne den Matsch und glorifizieren Substanzen.

Hinzu kommt: Wenn sich im eigenen Leben alles nur noch um die Spiritualität dreht und es keine anderen Themen mehr gibt, frage ich mich ernsthaft, mit welchem Grund wir in diese Runde inkarniert sind. (Und inwieweit bereits Abhängigkeiten eine Rolle spielen.)

Denn an handfesten, irdischen Problemen, die gelöst und angepackt werden wollen, mangelt es uns ja wahrlich nicht. Wir könnten zum Beispiel mit der Klimakrise, unserem Naziproblem oder dem Public Health Drama anfangen.

Vielleicht habe ich aber auch einfach keine Ahnung und eine Runde Bufo würde mir aufzeigen, dass unser Naziproblem im Grunde genommen scheissegal ist und dass ich mich in ein fancy Airbnb nach Mama Bali absetzen soll, um mich von Locals für kleines Geld rund um die Uhr bedienen zu lassen. Denn ganz ehrlich? Was weiß ich schon…